Gewaltfrei

Ich werde vermutlich in den kommenden Tagen gar nicht so viel zu erzählen haben, weil ich in erster Linie den Kurs vom Bildungsurlaub besuchen werde und gar nichts großartiges unternehmen werde. In diesem Jahr ist das nun das sechste Land, das ich besuche, nach Polen, Griechenland, Österreich, Albanien, Marokko nun also Spanien. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich so müde bin. Das Reisen bereitet mir große Freude, bitte versteht mich nicht falsch. Aber es laugt auch aus. Ich denke, anlässlich des 40. Geburtstages kann man sich das schon mal leisten, aber auf Dauer ist das nicht aufrecht zu erhalten, weder physisch noch finanziell. Emotional vielleicht noch am ehesten, denn jede Reise bereichert enorm. Und diese hier ist ja auch noch lange nicht vorbei, es gibt noch viel zu lernen. Wie viel ich tatsächlich vom Kurs mitnehmen werde, wird sich noch zeigen. Aktuell befassen wir uns nur mit Gewaltfreier Kommunikation, auf einem Level, das für mich nur Wiederholung ist. Aber schadet ja auch nichts. Ich selbst bin weit davon entfernt, gewaltfrei zu kommunizieren. In Teilen gelingt es mir hier und da und vieles ist in meinen Augen auch selbstverständlich. Doch im Großen und Ganzen lasse ich mich noch zu alten Methoden hinreißen. Ich WEIß, dass niemand Gefühle bei anderen versuchen kann, sondern diese maximal auslöst. Dass nur ich selbst die Verantwortung für meine Emotionen trage. Genau so WEIß ich, dass ich nicht in die Köpfe und Herzen meiner Mitmenschen schauen kann und anhand des Verhaltens nicht automatisch auf die dahinterliegenden Gefühle und Bedürfnisse schauen kann. Und doch schließe ich zu oft von mir auf andere oder tendiere zu Schubladendenken. Das ist evolutionäre auch so vorgesehen. Vor allem für hochsensible Menschen wie mich mitunter zwingend nötig, denn zu viele Reize auf einmal können nicht ausgewertet werden, die Schubladen sind dafür da, Erfahrungen zu gruppieren und sortieren, damit nur noch ein Teil der Reize bewertet werden muss. Doch besteht die eigentliche Kunst darin, eben nicht mehr zu bewerten, sondern zuzulassen, dass die Reize einfach nur sind. Nicht irgendwie sind. Sondern einfach sind. Sie existieren. Das ist unfassbar schwer auszuhalten, vor allem eben für Menschen, deren Antennen noch feiner sind als die anderer. Doch es ist nicht unmöglich. Akzeptanz ist das Stichwort. Erstmal gar nicht die Akzeptanz der Reize, sondern Akzeptanz dessen, dass sie nicht bewertet werden. Das gilt auch für meine Mitmenschen. Ich muss sie nicht bewerten. Sie dürfen einfach nur sein. Heute so, morgen so. Stattdessen kann ich lernen, meinen Fokus zu ändern. Es ist schon ganz cool, die Körpersprache anderer lesen zu können. Doch ohne Übersetzung können wir nie sicher sein, dass wir korrekt interpretieren. Ich kenne das ganz gut von mir selbst: Wie oft wird mir eine ablehnende oder wütende Haltung unterstellt. Dabei steckt dahinter Unsicherheit und das Bedürfnis, mich selbst zu schützen, vor eventuellen (emotionalen) Schlägen. Wie ich sie bereits zu genüge erlebt habe. Wenn mich jemand „bockig“ nennt (und ja, das ist gar nicht so lange her), bin ich eigentlich nur dabei, mir allen Kräften meine Contenance zu bewahren. Weil ich überfordert, überreizt bin. Und obwohl ich das weiß, erlaube ich mir zu oft, das Verhalten, Mimik und Gestik und auch Sprache anderer zu interpretieren. Wie hoch ist da eigentlich die Trefferwahrscheinlichkeit? Wenn ich das nicht tue, bin ich doch eigentlich viel offener und in der Lage, meinem Gegenüber das Gefühl zu geben, gesehen zu werden, so richtig gesehen. Auf Augenhöhe. Weil ich erst dann richtig zuhören kann und nicht vorab eine Meinung bilde. Das ist definitiv eine Fähigkeit, die ich gern erlernen würde. Aber ich fürchte, da gibt es keinen Kurs für, das muss das Leben lehren. In Kombination mit der entsprechenden Grundeinstellung. Werde ich hier zu philosophisch?

Ich sitze inzwischen im Bett und halte nur noch mit Mühe meine Augen offen. Es ist gerade einmal kurz nach 8 Uhr, aber die letzten Nächte waren einfach zu kurz, heute möchte ich mit mehr Raum geben für Ruhe und Erholung. Gerade bin ich noch hier durchs Dorf spaziert, Valleseco, noch ein Stückchen nordöstlicher (wenn die Karte in meinen Kopf stimmt) als Santa Cruz. Die Straßen hier sind sehr steil und ich vermute, dass alle Menschen, die hier wohnen, einen Knackarsch haben, vom vielen Hoch- und Runterlaufen. Aber es schön, auf seine Weise. Vor allem schon ruhig, weil die Straßen zu eng sind für den Autoverkehr (mit Mühe und Not würde man durchkommen, aber es ist kein Vergnügen). Ich genieße es, hier zu sein. Und die lustige Sprache, die die Leute hier sprechen (es ist wohl dem südamerikanischen Spanisch ähnlicher als dem europäischen). Ich liebe es, dass mir im Supermarkt immer ein Bolsita angeboten wird, also kein Bolsa (Tüte oder Beutel), sondern ein Beutelchen. Das klingt immer so niedlich. Und ich genieße mein Bett. Dem ich jetzt meine volle Aufmerksamkeit schenken werde. In dem Sinne: Adio y buena noche! (Hier seht ihr am Ende ein paar Hühner, die mich vorhin überrascht haben, weil sie einfach in diesem Busch saßen und losgackerten, als ich vorbeilief.)



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert