Gjirokastra

Aufgrund des eher nassen Wetters heute, wurde der Plan, zum Blue Eye zu fahren, über Board geworfen, was den Vorteil hatte, dass wir a) länger schlafen konnten und b) noch mal in Genuss des zauberhaften Frühstücks kamen. Aber auch der restliche Alternativplan war wahrlich nicht von schlechten Eltern. Gegen 9 Uhr fuhren wir weiter Richtung Süden. Nach etwa zweieinhalb Stunden erreichten wir unser erstes Ziel des Tages, UNESCO-Welterbe und Geburtsort des langjährigen ehemaligen Diktators Enver Hoxha (gesprochen Hodscha). Ich könnte euch jetzt ein bisschen was über ihn und die Geschichte Albaniens erzählen, was im Übrigen auch sehr spannend ist, aber ich belasse es bei einer kurzen Zusammenfassung:

Hoxha war Anführer der kommunistischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg und regierte Albanien anschließend über vier Jahrzehnte als autoritärer Staatschef. Anfangs pflegte er begrenzte außenpolitische Beziehungen, zunächst zur Sowjetunion, später zu China, doch nach dem Bruch mit beiden Mächten isolierte er das Land vollständig. Diese radikale Abschottung, oft als extremer als die Nordkoreas beschrieben, beruhte auf einer tief verwurzelten Paranoia gegenüber äußeren und inneren Feinden. Ausdruck dieser Angst war der Bau von über 170.000 Bunkern, die flächendeckend das Land überziehen, mit dem Ziel, dass im Falle einer Invasion jeder Bürger Schutz finden könne. Bunker sahen wir heute nicht, bekamen aber trotzdem eine ganz hervorragende Tour mit Guide durch die Stadt. Der Guide war sehr amüsant und nahm sich selbst und seine Landsmänner und -frauen nicht ganz ernst. Und wusstet ihr, dass es in Albanien es drittes Geschlecht gibt? Wenn eine Familie keinen Sohn (mehr) hat, kann eine Tochter beschließen, zur Burrnesha (Schwurjungfrau) zu werden. Mit einem Eid auf Enthaltsamkeit tauscht sie ihr Leben als Frau gegen das eines Mannes: Sie trägt Hosen statt Röcke, nimmt einen männlichen Namen an und wird zum Oberhaupt der Familie. Doch hinter dieser Entscheidung steckt mehr als nur Pragmatismus – es ist ein stiller Akt der Stärke, ein Leben zwischen den Welten, das sich den starren Regeln der Gesellschaft widersetzt und sie zugleich erfüllt. Die Burrnesha ist keine Rebellin im klassischen Sinn, sondern eine Brücke zwischen Tradition und Notwendigkeit, zwischen Identität und Verantwortung. Es kommt auch vor, dass eine Frau diesen Weg wählt, um einer Zwangsheirat zu entkommen. In modernen Zeiten ist diese Rolle aber in den Hintergrund getreten und es gibt nur noch sehr sehr wenige, die sich dafür entscheiden. Das Patriarchat spielt in Albanien eine deutlich größere Rolle als die Religion. Laut Guide sind zwar etwas über 60% der Bevölkerung Muslime, aber nur etwa die Hälfte davon praktizieren ihren Glauben. Ich selbst habe hier in keiner der Städte, die wir besucht haben, keinen einzigen Hijab gesehen.

Leider hatten wir nur eine Stunde für die Tour, ich bin mir sehr sicher, der Guide hätte uns noch viele spannende Anekdoten und Einblicke verraten. Doch wir hatten ein Date im Restaurant, allerdings um selbst aktiv zu werden. Eine runzelige aber herzliche und lustige Albanerin bereitete mit uns Essen zu: Byrek, Qyfqi (Reisbällchen) und Tzatziki. Die gute Frau konnte kaum drei Worte Englisch, schaffe es aber trotzdem, uns alle mit einzubinden und wir lernten das wichtige Wort „hajde“, was so wie heißt wie „los!“, womit sie uns anfeuerte, schneller zu sein. Sehr witzige Veranstaltung!

Bereits während des Kochkurses begann es, heftig zu gewittern und es ließ auch nicht nach, als wir anschließend in die Autos stiegen. Und so ging zum uns herum gefühlt die Welt unter, während wir im Anschluss nach Saranda zu unserem Hotel fuhren. Streckenweise war der Regen so stark, dass wir im Schritttempo fahren mussten. So kamen wir auch eine Stunde zu spät an und verpassten damit den Slot für die privat gebucht Spa. Zwischen 10 und 11 Uhr dürften wir dafür noch mal rein… Also abends. Also wenn ich vermutlich schon schlafe. Aber sei’s drum, ist eh nicht so mein Ding. Ich genieße jetzt etwas Zeit für mich in meinem luxuriösen großen Zimmer und wir werden sehen, ob der Abend noch mal spannend wird oder ob ich einfach nur sehr früh ins Bett gehe.



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