Der vierte Schritt der gewaltfreien Kommunikation betrifft die Bitte. Im Grunde wollen wir mit dieser Form der Kommunikation immer ein Ziel erreichen – und das ist (Ver)Bindung.
Es geht dabei nicht in erster Linie um Bedürfnisbefriedigung; das Bewusstsein über die Bedürfnisse ist lediglich ein wichtiges Werkzeug.
Es kann gut sein, dass eine der Parteien ihr Bedürfnis nicht erfüllt bekommt – und trotzdem ist die Verbindung gestärkt.
Ein Beispiel: Die Mutter bittet ihr Kind, das Zimmer aufzuräumen. Warum ist ihr das so wichtig? Vielleicht möchte sie Zeit mit dem Kind verbringen, aber durch die Unordnung ist kein Platz dafür. Dahinter könnten Bedürfnisse stehen wie: Nähe, Verbundenheit, gesehen werden, Übereinstimmung mit eigenen Werten, Zusammenarbeit, Kontakt, Ästhetik. Das Kind sagt: „Nö, ich will jetzt zocken.“ Seine Bedürfnisse könnten sein: Individualität, Ruhe, Spiel. Akzeptiert die Mutter dieses „Nö“, kann man von einer gewaltfreien Bitte sprechen. Droht sie hingegen Konsequenzen an oder setzt emotionale Mittel ein („Tu es doch wenigstens für mich“), ist es keine gewaltfreie Kommunikation mehr. Und was nun? Die Mutter kann sich alternative Strategien überlegen, um ihre Bedürfnisse trotzdem zu erfüllen – zum Beispiel gemeinsame Zeit im Wohnzimmer, um den Kontakt zum Kind zu halten. Oder sie macht einen neuen Vorschlag: „Was hältst du davon, wenn du noch eine halbe Stunde zockst und dann dein Zimmer aufräumst?“ Das Kind fühlt sich gesehen und ernst genommen. Damit steigt die Bereitschaft, ja zu sagen.
Und wenn nicht – dann sind da Bedürfnisse, die dagegensprechen. Diese sind genauso wertvoll und wichtig wie die der Mutter. Selbst wenn das Zimmer am Ende unordentlich bleibt, haben beide gewonnen: Sie haben ihre Beziehung gestärkt.
Auch wenn es im Kern nichts Neues für mich ist, hat mir dieses Wissen heute einmal mehr die Augen geöffnet. Und nur weil eine Person gewaltfrei kommuniziert, heißt das nicht, dass es das Gegenüber auch bereit ist zu tun. Doch wenn der Teil mit der Bindung und den Bedürfnissen und der angeborenen Bereitschaft zur Kooperation gegenwärtig ist, hilft das jeder gewaltfrei kommunizierenden Person auch mit schwierigen Situationen umzugehen. Das heißt nicht, dass es leicht ist. Ich finde es sogar schwer. Aber wie alles im Leben: Es bedarf der Übung, Wiederholung, Bereitschaft. Nur dann kann es leichter werden. Ich erkenne im Nachhinein, dass es Menschen in meinem Leben gab, die es bei mir versucht haben, mit der gewaltfreien Kommunikation. Aber ich habe es nicht gesehen, weil trotz alledem meine Trigger ausgelöst wurden. Dafür konnte die andere Person nichts. Ich selbst allein trage die Verantwortung für meine Gefühle. Ich allein. Und so tragen auch alle anderen Menschen die Verantwortung für die ihren. Ich kann niemanden traurig machen so wie mich niemand traurig machen kann. Es sind die Knöpfe, die gedrückt werden; in der Regel, würde ich sagen, unbewusst. Denn sie sind nicht sichtbar. Maximal für uns selbst. Bzw es ist sogar ganz hilfreich, wenn wir uns derer bewusst sind, denn so können wir entscheiden, wie wir drauf reagieren. Den Raum zwischen Reiz und Reaktion nutzen. Physische Reaktionen kommen ohne unseren Einfluss. Gefühle werden ausgelöst, ob wir das wollen oder nicht. Doch lässt sich lernen, diese Gefühle zu regulieren. Nicht zu unterbinden, das sollte nie das Ziel sein. Aber eben durch Regulation dem Nervensystem wieder die Ruhe geben, dem Kopf die Kontrolle. Vom Vagusnerv erzähle ich heute nicht mehr, von sympathischen und parasympathischen Nervensystem habt ihr gewiss eh schon gehört. Vielleicht komme ich ein anderes Mal dazu. Für heute heißt es, buenas noches. PS: Auf dem Heimweg habe ich heute wieder einen Ausflug über Santa Ursula gemacht. Einfach so.





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