Mehr Marrakesch

Der letzte volle Tage dieser Gruppenreise führte uns wieder in die Medina Marrakeschs. Dieses Mal allerdings in Form einer geführten Tour durch den wunderbaren Guide Omar. Im Gegensatz zum Reiseleiter, der uns seit einer Woche begleitet hat, hatte Omar auch wirklich etwas über Stadt und Land zu erzählen. Die Tour begann an der Koutoubia-Moschee, welche das bekannteste religiöse Bauwerk der Stadt und eines ihrer Wahrzeichen ist. Sie wurde im 12. Jahrhundert unter der Herrschaft der Almohaden-Dynastie erbaut und liegt in unmittelbarer Nähe des berühmten Djemaa el Fna. Ihr 77 Meter hohes Minarett ist weithin sichtbar und diente später als architektonisches Vorbild für die Giralda in Sevilla und den Hassan-Turm in Rabat. Interessanterweise wurde die Moschee zunächst in die falsche Gebetsrichtung (Qibla) gebaut – also nicht exakt nach Mekka ausgerichtet. Nachdem dieser Fehler entdeckt wurde, ließ der damalige Kalif die ursprüngliche Moschee abreißen und an derselben Stelle eine neue errichten, diesmal korrekt orientiert. Nicht-Muslimen ist der Zutritt zum Gebetsraum zwar nicht gestattet, doch schon von außen beeindruckt die Moschee durch ihre harmonischen Proportionen, die kunstvollen Stuckarbeiten und das typische rosafarbene Sandsteinmauerwerk.

Marokko ist eine konstitutionelle Monarchie mit einem starken König an der Spitze. Der derzeitige Monarch, König Mohammed VI., regiert seit 1999 und gilt als moderner Reformer, der das Land wirtschaftlich und infrastrukturell stark geprägt hat. Unter seiner Führung wurden zahlreiche Projekte in Bereichen wie Bildung, Frauenrechte und erneuerbare Energien angestoßen. Trotz einer gewählten Regierung und eines Parlaments bleibt der König die zentrale politische Instanz, insbesondere in Fragen der Außenpolitik, Religion und nationalen Sicherheit. Die Regierung wird vom Premierminister geleitet, der aus der stärksten Partei im Parlament hervorgeht, agiert jedoch stets im Rahmen der königlichen Richtlinien.


Die Geschichte Marokkos ist eng mit den großen Dynastien verbunden, die das Land seit dem 8. Jahrhundert geprägt haben. Zu den bedeutendsten zählen die Idrisiden, die als Begründer des ersten marokkanischen Staates gelten, sowie die Almoraviden und Almohaden, die weite Teile Nordafrikas und Spaniens beherrschten. Später folgten die Meriniden, die Saadier und schließlich die Alawiden, die seit dem 17. Jahrhundert an der Macht sind – und deren Linie bis heute in König Mohammed VI. fortbesteht. Jede dieser Dynastien hat nicht nur die politische Geschichte des Landes mitgestaltet, sondern auch Architektur, Kunst und Religion nachhaltig beeinflusst.

Was wir heute bei der Führung zu sehen bekommen haben, war ein Beispiel sehr bezaubernden Architektur Marokkos: Der Bahia-Palast zählt zu den schönsten Bauwerken Marrakeschs und wurde im späten 19. Jahrhundert für den Großwesir Ba Ahmed erbaut. Der Name Bahia bedeutet „die Strahlende“ – angeblich war der Palast seiner Lieblingsfrau gewidmet. In den mehr als 150 Räumen lebten seine vier Ehefrauen und rund zwei Dutzend Konkubinen, jede mit ihren eigenen Gemächern, Innenhöfen und Gärten. Der Palast sollte das prächtigste Haus seiner Zeit werden und spiegelte den Reichtum und Einfluss seines Besitzers ebenso wider wie die damaligen gesellschaftlichen Strukturen.
In Marokko ist die Vielehe (Polygynie) auch heute noch gesetzlich erlaubt – allerdings nur unter strengen Bedingungen. Ein Mann darf bis zu vier Frauen heiraten, muss aber nachweisen, dass er sie finanziell, zeitlich und emotional gleichberechtigt versorgen kann. In der Praxis ist das selten geworden, da das Familienrecht seit den Reformen von 2004 deutlich stärker auf Gleichberechtigung ausgerichtet ist.

Weiter ging es wieder durch die engen Gassen der Medina. Bei Tageslicht herrscht hier eine ganz andere Stimmung. Immer noch voll, immer noch chaotisch, aber nicht mehr so erschlagend. Der Djemaa el Fna ist das pulsierende Herz von Marrakesch und einer der berühmtesten Plätze Afrikas. Tagsüber wimmelt es hier von Saftverkäufern, Wasserträgern und Straßenhändlern, die ihre Waren anpreisen. Gegen Abend verwandelt sich der Platz dann erst in ein lebendiges Freilufttheater: Musiker, Geschichtenerzähler, Akrobaten und Schlangenbeschwörer ziehen Einheimische wie Besucher gleichermaßen an. Überall duftet es nach gegrilltem Fleisch, Gewürzen und süßem Minztee. Seit 2001 gehört der Djemaa el Fna zum UNESCO-Weltkulturerbe, nicht wegen seiner Bauwerke, sondern wegen seiner einzigartigen oralen und kulturellen Traditionen, die hier täglich weiterleben.
Direkt hinter dem berühmten Platz beginnt das Labyrinth der Souks – das traditionelle Marktviertel von Marrakesch. In den engen, schattigen Gassen reihen sich winzige Läden und Werkstätten aneinander, in denen Händler alles verkaufen, was das marokkanische Herz begehrt: leuchtende Gewürze, handgeknüpfte Teppiche, Lederwaren, bunte Lampen und fein gearbeiteten Schmuck. Der Souk ist kein einzelner Markt, sondern ein ganzes Viertel aus verwinkelten Gassen, in denen Handwerk und Handel seit Jahrhunderten zum Alltag gehören. Zwischen dem Duft von Zedernholz, Arganöl und Minze lässt sich leicht die Orientierung verlieren.

Unser Guide führte uns zum Anschluss noch eine Apotheke oder Drogerie. Ein Laden voller Gewürzen, Pasten, Salben, Tees und sonst noch vielen Dingen, die ich schon wieder vergessen habe. Alles auf pflanzlicher Basis und vieles, was wir einfach ausprobieren konnten. Da habe sogar ich mal zugeschlagen. So richtig sicher bin ich mir hier nie, ob es sich um eine Infosession oder eine Verkaufsveranstaltung handelt. Vermutlich irgendwie beides.

In Marokko muss man ganz genau aufpassen, dass man nirgendwo zu lange stehen bleibt oder auch nur den Blick zu lang auf etwas ruhen lässt. Ohne dass man sich wehren könnte, kommen Verkäufer auf einen zu und schwatzen einem irgendwas auf. Das klingt erstmal banal und man würde denken, einfach nein sagen genügt. Aber die Leute hier haben so krasse Verkaufstechniken drauf, es wundert mich, dass ich nicht schon versehentlich ein Kamel gekauft habe. Als ich nur eine Sekunde an einem Henna-Stand stehen blieb, fing die Dame direkt an, mir ein Tattoo auf die Hand zu malen. Ich wollte den Preis wissen, doch sie wich aus, komplimentierte meine Augen und als sie fertig war, wollte sie 600 Dirham (60 Euro dafür haben). Ich war froh, dass ich nur 100 Dirham bei mir hatte und so konnte ich nichts anderes tun als aufzustehen und zu gehen. Aber chic ist es schon geworden.



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