Dialoge

Heute war ein langer Tag. Ein sehr langer. Für mich erst recht, weil ich schon kurz vor sechs wach war und nicht mehr einschlafen konnte. Halb 9 brachen war auf, zum Bischofspalais, wo wir mit einer Andacht begangen. Anschließend waren wir eingeladen zu einer Präsentation der Stiftung Kirchenburgen, wo wir über eben jene, deren Geschichte und Standhaltung erfuhren. Danach wurden wir von Bischof Guib in Empfang genommen, der uns etwas zur aktuellen Situation der evangelischen Kirche in Rumänien erzählte. Außerdem stand er den Fragen unserer Reisegruppe Rede und Antwort. Ein sehr charismatischer Mann, kann man (ich) nicht anders sagen. Inhaltlich kann ich grad gar nicht so viel dazu erzählen, weil es heute schon spät ist und wir so viele Gespräche heute führten, dass ich erst einmal alles in meinem Kopf und Herzen sortieren muss. Interessant war es allemal.

Und Schlag auf Schlag ging es weiter. Der orthodoxe Priester Alexandru Ioniță wartete bereits, um uns einen Einblick in die orthodoxe Kirche Rumäniens zu gewähren. Einen ehrlichen und reflektierten Einblick. Eine doch andere Art und Weise der Orthodoxie als wir vor drei Jahren auf Kreta kennen gelernt haben. Wobei das auch an der Person Ionițăs liegen könnte, so zumindest meine Vermutung. Ebenfalls eine sehr angenehme Begegnung, die mich vermutlich gedanklich noch eine Weile begleiten wird. Speziell bezüglich seines persönlichen Engagement in Bezug auf den Austausch mit den Roma der Region.

Eine kurze Verschnaufpause ließ uns Zeit für ein individuelles Mittagessen, bis es am Nachmittag mit dem Bus weiter nach Heltau/Cisnădie ging. Hier bekamen wir eine wundervolle Führung unserer Reiseleiterin Anna durch eine Wehrkirche. Und endlich habe ich auch den Unterschied zwischen einer Wehrkirche und Kirchenburgen verstanden: Während Kirchenburgen, wie wir sie in Holzmengen und Hammersdorf gesehen haben, einfache Kirchen sind, die mit starken Ringmauern umgeben werden, die der Verteidigung dienen, sind Wehrkirchen verstärkte Kirchen, die mit Wehrtürmen und anderen Maßnahmen ausgestattet und von eher einfachen niedrigen Ringmauern umgeben wurden. Was wir in Heltau zu sehen bekommen haben, ist ein Hybrid. Also eine Wehrkirchenburg quasi.

Das nächste Gespräch erwartete uns in Michelsberg/Cisnădioara, mit dem Dekan der Fakultät für Evangelische Theologie in Hermannstadt, Stefan Tobler. War bestimmt ein gutes Gespräch. Ja, ich war anwesend, körperlich. Geistig hingegen war ich einfach überfordert nach dem Vormittag und der kurzen Nacht. Damit werde ich Herrn Tobler gewiss nicht gerecht und das bedauere ich. Aber ich war einfach alle. Was ich am dem Ausflug aber genoss, war die Zeit nach dem Gespräch, die halbe Stunde Pause auf dem Anwesen Familie Toblers. Das klingt etwas hochtrabend. Grundstück trifft es eher, aber es war so wunderschön und ruhig und ich nutzte es und die Zeit, mich in die Wiese zu legen, meditieren und dabei den Blick auf die Berge zu genießen. Das dürften schon Vorläufer der Karpaten gewesen sein. Oder Ausläufer. Wie heißt das? Mein Kopf ist Matsch. Jedenfalls schön und perfekt, um bei mir anzukommen und einen Gang runterzuschalten, Energie zu sammeln.

Für das Abendessen blieben wir in Michelsberg und wurden von eine sächsischen Familie eingeladen. Dies nutze ich mal als Gelegenheit, drauf hinzuweisen, dass wir Vegetarier:innen hier wirklich tolle Alternativgerichte bekommen. Nicht einfach nur eine trockene Kartoffel. Wobei genau das mein Abendessen war, da der Couscous Auflauf komplett mit Paprika war. Aber nicht schlimm. Kartoffeln mit Schmand waren das, was ich nach den Tag brauche. Zum Nachtisch erst noch ein traditioneller Hefekuchen mit Ei und Zucker. Und dann ein weiteres Gespräch mit dem Familienvater, der nicht nur Keramik erzeugt, sondern auch Kurator in seiner Gemeinde ist. In den evangelischen Gemeinden der Siebenbürger Sachsen ist der Kurator im Grunde der wichtigste weltliche Vertreter der Kirchengemeinde – also ausdrücklich kein Geistlicher.
Er steht zusammen mit dem Pfarrer bzw. der Pfarrerin an der Spitze der örtlichen Gemeinde. Während der Pfarrer vor allem für Gottesdienst und Seelsorge zuständig ist, kümmert sich der Kurator stärker um die organisatorischen und weltlichen Angelegenheiten: Gebäude und Besitz der Gemeinde, Finanzen, praktische Organisation, Vertretung der Gemeinde und häufig auch darum, dass Kirche, Pfarrhaus, Kirchenburg usw. überhaupt erhalten und verwaltet werden. Das Gespräch mit dem Familienvater war überhaupt unterhaltsam und hatte fast schon Kabarett oder Standup Comedy Eindruck.



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