Nachtzug

Das ist vielleicht ein komisches Gefühl: Da steigt man Donnerstag Abend in Ungarn in den Zug, legt sich schlafen und wacht in Rumänien auf. Nur dass man das nicht sieht, weil dunkel. Es gibt auch keine Durchsagen. Einzig das Klopfen der Schaffnerin 20 Minuten vor Ankunft verrät, was hier los ist. Es war meine zweite Nachtzugfahrt und dieses Mal konnte ich es mehr genießen. Ich hatte ein Anteil mit Duschbad für mich, was für mich einen wahnsinnigen Unterschied gemacht hat. Ich schlafe eh nicht gut, wenn andere dabei sind und so was immerhin dieser Faktor in meinem Sinne. Was sich wohl nie ändern lässt, ist der Lärm. Und was das für ein Lärm ist! Nicht nur die Maschine, die Schienen, der Lärm, den ein Zug eben durchs Fahren eben macht. Auch musste er ständig hupen. Viel Schlaf habe ich also nicht bekommen, aber da ich eben mit einem ganz anderen Mindset dabei war und so, konnte ich immerhin gut ruhen und war gar nicht mal so erschlagen, als ich morgens um fünf in Sibiu ankam.

Vom Bahnhof bis zum Hotel waren es nur 1,7km, weshalb ich mir die Suche nach einem Bus sparte. Zumal ich eh viiiiiel zu früh am Hotel landete – mit dem Bus wäre es ja noch früher gewesen. Ich fragte nach einem Checkin, ohne ehrlich auf eine Zusage zu hoffen. Ich bekam auch keine. Ich solle bei der späteren Schicht am Vormittag noch mal fragen. Checkin ist erst ab 15 Uhr, aber vielleicht ginge da ja was. Immerhin mein Wunsch, ob der Lobby warten zu dürfen, wurde ganz ohne Zögern erfüllt. Als dann gegen 7 mein Schwesterherz wach wurde, gesellte ich mich zu ihnen und kurz danach gingen wir zum Frühstück im Hotel Bistro. Endlich was Anständiges essen, gestern ernährte ich mich tagsüber quasi nur von Müsliriegeln.

Anschließend liefen wir zum Waschsalon, denn meine Schwester und mein Schwager sind bereits ein paar Tage unterwegs. Mein erster Besuch eines Waschsalons! Insgeheim dachte ich immer, sowas gäbe es nur in den USA, weil ich das nur aus dem Fernsehen kenne.

Nachdem die Wäsche sauber, trocken und wieder verstaut war, spazierten wir in die nicht weit entfernte Altstadt. Ich glaube, das ist die erste Reise, für die ich im Vorfeld gepaukt habe. Es wird euch nicht überraschen, dass man eine Stadt mit dem nötigen Hintergrundwissen mit ganz anderen Augen sieht. Aber auch unabhängig davon ist Sibiu aka Hermannstadt eine Reise wert. Auch wenn es üblich ist, den deutschen Namen der Stadt zu verwenden und es hier ja nicht auf eine übergriffige Art gemacht wird, sondern die Siebenbürgener Sachsen ja nun mal tatsächlich Deutsch sprachen, ich fühle mich damit nicht wohl. Also: Sibiu. Zu den Sachsen werde ich gewiss im Laufe der Reise noch einiges zu erzählen haben, aber für heute bin ich schon zu müde. Solltet ihr also noch nie was davon gehört haben: nun habt ihr es. Nach 10.000 Schritten und einem Eis zog es uns zurück ins Hotel, noch mal Luft holen, bevor am Nachmittag der Rest der Gruppe zu uns stoßen sollte.

Gegen halb 4 waren wir dann vollzählig, nun konnte der eigentliche Teil der Reise also beginnen. Geführt von Reiseleiterin Anna zogen wir erneut Richtung Altstadt. Nun aber mit Hintergrundinfos. Wir sahen einen kleinen Park mit Springbrunnen, eine orthodoxe Kirche, Reste der Stadtmauer, die Stadtplätze in rückwärts chronologischer Reihenfolge (also erst den großen Stadtplatze Piața Mare, dann den deutlich kleineren älteren und dann den alten Dorfplatz), die alle dicht beieinander liegen. Wir gingen über die Lügnerbrücke und blieben bei der Wahrheit. Sahen bunte Häuser und wunderschöne Hinterhöfe (wenn auch nur aus der Ferne). Und schlossen den Rundgang bei der evangelischen Pfarrkirche mit einer Andacht ab. Mein Magen war schon ganz ordentlich am Knurren, hatte er zum Mittag ja nur ein Eis bekommen. Und so kam mir das Restaurant sehr recht, dass für den Abend geplant war. Junge, Junge, Junge, ich habe lang nichts mehr so Leckeres gegessen. Ein Vorspeisensüppchen, ein Forellenfilet auf Polenta und Apfelstrudel zum Nachtisch. Vor allem die Hauptspeise war zum Reinlegen… Hmm. Davon werde ich noch eine Weile träumen. Nur der Apfelstrudel war Wurst intensiv. Wie sich Anna so schön ausdrückte: Man fühlt sich, als sei man bei einem Baron zum Essen eingeladen und der wolle damit angeben, wie reich er doch sei, indem er den teuren Zimt in so großen Mengen ins Essen streut.



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