Sich seiner Bedürfnisse bewusst zu sein, ist ein mächtiger Skill. Wisst ihr jederzeit, was ihr wirklich braucht? Nicht Strategien wie „ich brauche Urlaub“, „ich brauche Geld“ oder „ich brauche Person XY“. Sondern die dahinterstehenden Bedürfnisse: Ruhe, Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung, Sicherheit, Liebe, Dankbarkeit, Wertschätzung. Ich für meinen Teil habe sie nicht immer im Blick. Welche Motivation steckt hinter meinem Verhalten? Welche Bedürfnisse sind erfüllt, wenn ich zufrieden bin – und welche nicht, wenn ich traurig bin? Unsere Gefühle sind nichts anderes als Reaktionen auf erfüllte oder unerfüllte Bedürfnisse. Wir alle haben Strategien entwickelt, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Wir essen, wenn wir hungrig sind; wir arbeiten, um uns Essen oder eine Wohnung leisten zu können; wir lernen, um später einen Job zu haben. All das sind Strategien, die letztlich ein Grundbedürfnis erfüllen – zum Beispiel das Bedürfnis nach Sicherheit, Freiheit oder Zugehörigkeit. Und ja, wir könnten uns auch bewusst entscheiden, nicht zu essen – früher oder später würde das Folgen haben. Aber wir wählen zu leben, und dafür nutzen wir Strategien. Manche erfüllen mehrere Bedürfnisse gleichzeitig: Mit der Arbeit verdienen wir Geld, sichern uns unsere Wohnung, können reisen und unsere Neugier stillen. Wir könnten theoretisch auch andere Wege wählen – rauben, jemanden heiraten oder in Obdachlosenunterkünften leben. Doch wir entscheiden uns bewusst für unsere Strategien. „Ich muss noch meine Oma anrufen“, höre ich oft. Müssen wir wirklich? Oder wägen wir nicht unbewusst verschiedene Bedürfnisse ab – nach Verbindung, Nähe und Harmonie auf der einen Seite, nach Ruhe, Distanz oder Unabhängigkeit auf der anderen? Auch das ist eine Entscheidung. Sätze wie „Ich fühle mich fremdgesteuert“ entstehen oft, weil äußere Anforderungen – Kinder, Arbeit, Haushalt – scheinbar unsere Freiheit einschränken. Doch hinter diesen Entscheidungen steckt auch ein Bedürfnis nach Integrität und den eigenen Werten treu zu sein. Sobald wir uns dessen bewusst werden, fällt es leichter, damit umzugehen. „Du musst gar nichts“, singt Die Sterne. Provokant, aber wahr. Manchmal braucht man eben wieder eine Woche Bildungsurlaub, um sich all dessen bewusst zu werden.
Meine Bedürfnisse nach Ruhe und Erholung erfülle ich gerade damit, dass ich am Strand Las Teresitas liege. Ziemlich genau da, wo ich vor einem Jahr auch gelegen habe: links die Mole, rechts San Andres im Hintergrund, dazwischen Meer und Sand – Saharasand, um genau zu sein. Daher ist dieser Strand einer der hellen der Insel, im Gegensatz zu den schwarzen Vulkanstränden, wie sie vor allem im Norden zu finden sind. Die Bedürfnisse nach Distanz, Individualität, Selbstbestimmung und Freiheit habe ich tatsächlich erst in den letzten Jahren für mich entdeckt. Zuvor standen sie im Widerspruch zu meinen Bedürfnissen nach Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Geborgenheit – nach Freundschaft und Nähe. Inzwischen spielen sie aber eine große Rolle in meinem Leben, weil meine Bedürfnisse nach Sicherheit, Liebe, Vertrauen und Aufmerksamkeit in der Vergangenheit zu sehr gelitten haben. Vertrauen ist ohnehin so ein Ding. Jahrelang dachte ich, es sei nur das, was Menschen miteinander verbindet, Sicherheit schafft und Öffnung erlaubt. Doch das Vertrauen in sich selbst ist eigentlich viel wichtiger – für mich jedenfalls – und vor allem das Vertrauen in das Leben. Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. Vertrauen darauf, dass Gefühle und Situationen kommen und gehen wie Wellen. Dass auch das Unangenehmste im Leben einen Sinn hat. Ohne all meine Erfahrungen wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin: am Strand Las Teresitas. Einer der schönsten, die ich kenne.


Auch mein Bedürfnis nach Ästhetik wird heute Vormittag befriedigt, im Botanischen Garten von Puerto de la Cruz.





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