Den Himmel schulternd

Trotz Lärm kam ich zu knapp sieben Stunden Schlaf, was ich anfangs nicht erwartet hätte. Insofern ansatzweise erholt lief ich zum Frühstück, was vielleicht keiner Meisterküche entstammte, aber ausreichend war. Mein Teller war schon wieder alle, als die ersten der Gruppe dazu stießen. So hatte ich immerhin mal etwas Zeit für mich, was auch mal sehr schön war. Pünktlich um 8:30 Uhr standen wir vor dem Hotel, um unseren Guide Mustafa zu treffen und den Bus mit unserem Gepäck zu beladen. Der Bus war da, der Fahrer auch, nur der Guide hatte offenbar verschlafen. Daher brachen wir 25 Minuten später auf als geplant, drehten eine kurze Runde und fuhren wieder zum Hotel… Mustafa hatte irgendwas liegen gelassen und musste es holen. Er spricht übrigens nur ein paar Worte Englisch, noch weniger Deutsch, aber immerhin Italienisch. Zum Glück ist auch unserer Koordinatorin der Sprache mächtig und so erzählt er ihr immer alles auf Italienisch und sie übersetzt für uns. Bevor die Reise losging, hielten wir an einem Supermarkt, um Getränke für die nächsten Tage zu kaufen. Draußen saßen wenige Monate alte Katzen, die ich am liebsten sofort mitgenommen hätte.

Wenn ich das richtig verstanden haben, verfügt unser Bus über eine Sicherheitskontrolle, die die Fahrzeit aufzeichnet und den Fahrer dazu zwingt, alle anderthalb bis zwei Stunden eine Pause zu machen. Finde ich persönlich sehr angenehm, dadurch wirkt die viele Fahrerei nicht mehr ganz so herausfordernd. Beim ersten Halt befanden wir uns bereits im Atlasgebirge, durch das wir den heutigen Tag fuhren. Atlas? War da nicht was? Ich erzähle euch sicherlich nichts Neues, aber um noch einmal eure Erinnerungen aufzufrischen: Atlas war einer der Titanen, die bereits vor den olympischen Göttern auf der (griechischen) Welt waren. Ich möchte nicht zu weit ausholen, aber Zeus bestrafte ihn dafür, dass er wie alle anderen Titanen, die gegen die olympischen Götter gekämpft hatten. Sein Schicksal: für umgetauscht und ewig das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern zu tragen. In der Weltanschauung der alten Griechen war die Welt eine Scheibe und dort, wo das heutige Marokko liegt, war das westliche Ende der Welt. Das Gebirge so hoch, dass es bis in den Himmel reicht, als würde es ihn tragen. Wie Atlas. Und so bekam es seinen Namen. Auch der Atlantik hat seinen Namen daher. Aber ich bin mir sicher, das wusstet ihr eh alle schon. Dieses Panorama war heute mein erster (bewusster) Eindruck des Gebirges:

Natürlich bietet es sich an, diese Stopps als Pinkelpause zu nutzen, was ich auch tat und grinsen musste, denn die Leute hier haben eine ganz gute Methode, Trinkgeld fürs Nutzen der WCs zu erhalten – indem sie das Klopapier an diejenigen aushändigen, die zuvor etwas bezahlt haben. Selbiges gilt für die Handtücher. Genial, wie ich finde. Tatsächlich gilt es als allgemeiner Tipp, immer Klopapier bei sich zu haben, wenn man in Marokko unterwegs mal muss, denn es ist eher selten welches bei den Toiletten zu finden. Aber wenn man das weiß, kann man sich ja drauf einstellen.

Als wieder rund anderthalb Stunden vergangen waren, schauten wir uns einen anderen Teil des Atlasgebirges an. Ich muss sagen, ich bin von diesen Bergen genau so verzaubert wie genau vor einem Jahr bei meiner Autofahrt quer über Gran Canaria. Und noch mehr. Eine sehr abwechslungsreiche Landschaft, überwiegend trocken, aber teilweise auch durch einen Fluss unten im Tal grün und faszinierend.

Zur späten Mittagszeit kehrten wir in einen Restaurant in einem eher entlegenen Dorf (genau genommen ist hier alles entlegen) ein, wo es laut unsere Vorreisenden (also denen, die diese Tour schon vor uns gemacht hatten) die weltbeste Tajine geben soll. Meins war’s nicht unbedingt, aber das mag daran liegen, dass ich nur die vegetarische Variante hatte, die mit Hühnchen schien wesentlich mehr zu bieten zu haben. Auch die Vorspeise war so okay gut. Vielleicht ist die marokkanische Küche einfach nichts für mich. Aber das werde ich in den kommenden Tagen natürlich noch ausgiebig testen. Vielleicht war mein Herz auch einfach nur so sehr von den bettelnden und unfassbar niedlichen Katzen abgelenkt, so dass es sich nicht aufs Essen konzentrieren konnte.

Der letzte Stopp vor dem Tagesziel war für mich der schönste. Buchstäblich. Das war das Ounila-Tal (Vallée de l’Ounila), das entlang des Flusses Asif Ounila zwischen Telouet und Aït Benhaddou verläuft. Falls ihr genau hinschaut, seht ihr auf dem ersten Bild solche Löcher in der Felswand, Höhlen. Da haben damals die Hebräer und die Berber gehaust, bevor später die Lehmhütten (unten rechts im Bild) und schließlich die befestigten Häuser (oben) gebaut wurden. So wunderschön, da hat es mir glatt den Atem verschlagen.

Inzwischen sind wir an unserer Unterkunft angekommen, im Hotel Ksar Ljanoub, außerhalb von Aït Benhaddou. Heißt zwar Ksar, ist aber nur ein moderner Nachbau. Ein echter Ksar ist eigentlich ein ganzes, befestigtes Lehmdorf, während eine Kasbah nur eine einzelne Burg oder ein Herrenhaus darin bezeichnet. Aït Benhaddou zum Beispiel ist ein echter Ksar – das Hotel dagegen nur eine Hommage an diese traditionelle Bauweise. Mein Zimmer gleicht einer ausgebauten Abstellkammer, aber es reicht aus. Dafür ist es schön ruhig. Und der Ausblick aus dem Fenster ist wunderschön.

Aber damit war der Tag noch nicht vorbei. Nach einer 90 minütigen Verschnaufpause fuhren wir zum richtigen Ksar. Aït Benhaddou ist ein jahrhundertealtes Lehmdorf am alten Karawanenweg zwischen Marrakesch und der Sahara und zählt heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die verwinkelten Gassen, Speicher und Türme bestehen aus sonnengetrocknetem Lehm und wirken besonders im Abendlicht wie aus einer anderen Zeit. Viele Filme und Serien (wie Gladiator, Die Mumie oder Game of Thrones) haben den Ort als Kulisse genutzt, weil er so eindrucksvoll das Bild des alten Maghreb verkörpert. Dort blieben wir bist zum Sonnenuntergang. Einer der eindrucksvollsten Orte, die ich je gesehen habe. Auf dem letzten Bild seht ihr übrigens mal eine Nahaufnahme von den Häusern. Das ist einfach nur eine Mischung aus Erde und Stroh, weshalb die Wände regelmäßig bewässert werden müssen, um nicht auseinander zu fallen.

Aber damit noch nicht genug. Denn unmittelbar nebenan befindet sich Restaurant Moussa, wo wir bei einem Kochkurs unsere eigene Tajine hergestellt haben. Mit Zaubereinlage unseres Kochlehrers. Sehr herzlich, lustig und interessant.

Diese Route entspricht nicht ganz der unseren, aber damit ihr einen ungefähren Eindruck dahin bekommt, wo wir hier gerade sind:



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