Auf nach Hoch-Safran

Unser Riad in Agdz war echt paradiesisch. Ruhig gelegen und ein traumhafter Garten, wie eine Oase. Endlich kam ich mal wieder zu meinen neun Stunden Schlaf oder wenigstens fast. Gern wäre ich länger geblieben, doch unser Zeitplan ließ das nicht zu. Denn 360 Kilometer galt es heute zurückzulegen, was in Deutschland schon mal in zwei bis drei Stunden zu schaffen ist, dauert in Marokko eher sechs Stunden. Nur der letzte Teil der Strecke ist per Autobahn zu fahren, der Rest führt durch Dörfer und über Landstraßen. Um die Fahrt etwas angenehmer zu gestalten, war der Tripp in mehre Etappen unterteilt. Zwischenstopp Nummer 1 war bei den Wolltanten, wie unsere Koordinatorin sich ausdrückte. In einem Dorf, dessen Name ich euch leider nicht nennen kann, durften wir miterleben, wie Frauen Teppiche herstellten und erfuhren etwas über den Prozess des Webens per Hand. Die Frauen zeigten uns, wie sie Wolle von Hand auf einem gespannten Rahmen verweben – Faden für Faden, in konzentrierter Stille und mit erstaunlicher Präzision. Ein Mann erklärte uns den Ablauf und die Bedeutung der Muster, während im Hintergrund nur das Rascheln der Fäden und das Klirren kleiner Teegläser zu hören war. Natürlich folgte danach das unvermeidliche Verkaufsgespräch, und natürlich konnte ich nicht nein sagen. Jetzt bin ich um einen kleinen lilafarbenen Teppich und eine Tasse süßen Minztees reicher, aber immerhin 100 Dirham günstiger, wie es sich gehört. Ja, auch ich kann feilschen, wenn auch sehr unbedarft. Was ich ebenfalls fast mitgenommen hätte: eine minikleine Babykatze, die mir hinterherlief und Streicheleinheiten einforderte. Es brach mir das Herz, sie einfach so zurückzulassen.

Nächster Halt: Safran. In einem Laden in einem kleinen Dorf am Rande der Straße durften wir zusehen, wie die zarten lilafarbenen Blüten in den frühen Morgenstunden gepflückt werden, einzeln, von Hand, bevor die Sonne zu stark wird. Jede der Krokus-Blüten trägt nur drei feine Fäden, die vorsichtig herausgelöst und anschließend getrocknet werden. Kein Wunder also, dass Safran zu den teuersten Gewürzen der Welt zählt. Der Duft war intensiv, fast süßlich, und während wir unseren Tee tranken, leuchteten überall kleine Körbchen voller Blüten, wie verstreute Edelsteine im Staub.

Zur späten Mittagszeit landeten wir in Taroudannt, wo ich meine erste Medina zu sehen bekam: die Altstadt, das historische Herz vieler marokkanischer Städte. Sie ist meist von einer Stadtmauer umgeben und besteht aus einem Gewirr enger, verwinkelter Gassen, in denen Händler ihre Waren anbieten: Gewürze, Stoffe, Leder, Schmuck. Autos passen hier kaum hindurch, stattdessen mischen sich Esel, Fahrräder und Fußgänger zu einem lebhaften Durcheinander aus Stimmen, Düften und Farben. Ein Ort, der zugleich chaotisch und faszinierend ist und an dem die Zeit anders zu laufen scheint. Einige von uns holten sich hier beim Imbiss etwas zu essen, ich habe mich nicht getraut. Es gibt schon einen guten Grund dafür, dass wir meist in eher touristischen Restaurants essen gehen. Die europäischen Mägen sind nicht einmal ansatzweise so robust wie die der Marokkaner und der Reinheitsstandard ist hier eben ein anderer.

Von Taroudannt aus erreichten wir Agadir in rund 90 Minuten. Das Hotel hier ist schon sehr nobel. Als wir aus dem Bus ausstiegen, nahm mir ein Page mein Gepäck ab. Sowas kenne ich gar nicht, war völlig überfordert. Als er alles in meinen Zimmer ablieferte, wusste ich, dass ich ihm Trinkgeld geben muss, aber dann war ich doch einen Moment unsicher, zögerte zu lange und er ging wieder. Beim nächsten Mal habe in das Geld direkt parat, versprochen! Das Hotel liegt nur fünf Minuten vom Strand entfernt, wo wir den Sonnenuntergang genossen.



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