Eindrucksvoll

Dieser zweite Tag unserer Kreta Reise war voller Eindrücke. Ich werde mal versuchen, so viele wie möglich davon auf digitales Papier zu bringen.

Meine morgendliche Selbstfürsorge Einheit bestand wieder aus einem Streching. Sollte man viel häufiger tun. Vor allem im Nackenbereich, aber auch die Beine sollten nicht zu kurz kommen, sonst sind es nämlich die Muskeln, die zu kurz kommen. Danach gab es Frühstück, wieder am offenen Buffet wie hier eigentlich immer – oder vielleicht kommt es auch mal anders, aber wenn ich es nicht anders erwähne, stellt euch einfach immer ein offenes Buffet vor. Die Andacht ließen wir quasi aus, da wir direkt im Anschluss an das Frühstück zum Kloster liefen, um dort einem Gottesdienst beizuwohnen. So ein orthodoxer Gottesdienst ist echt noch mal eine ganz andere Hausnummer. Ein Psaltist singt quasi die ganze Zeit, höchstens unterbrochen von einem singenden Priester. Aber gesungen wird die komplette Zeremonie. Dabei passiert ganz viel, was ich nicht verstehe (was wohl auch daran liegt, dass ich die gestrige Einführung in die Orthodoxie verpasst habe, weil ich während über mein kaputtes Handy lamentierte bzw wegen des Schnorchelausflugs nicht rechtzeitig zurück war). Der Priester läuft durch die Gegend, wedelt mit Weihrauch, was wegen der Schellen klingt wie der Anfang von Jingle Bells (entschuldigt, falls das zu blasphemisch ist, aber das war einfach meine Assoziation und ist komplett wertfrei). Manchmal liest bzw singt er aus einem golden Buch oder verschwindet für einen Moment in den hintere heiligen Teil der Kirche. Akustisch könnt ihr euch das so vorstellen (auch wenn das nicht meine Aufzeichnung ist, da Ton- und Bildaufzeichnungen innerhalb der Klosterkirche nicht erlaubt sind):

Das Ganze ging locker 90 Minuten. Aber so sehr es mich auch fasziniert hat, musste ich dann doch irgendwann raus, weil die dicke warme Weihrauch Luft mir nicht bekam. Doch das ist auch gar nicht so unüblich. Viele Leute kamen und gingen während des Gottesdienstes. Also die Tür war die ganze Zeit geöffnet und zu Beginn waren fast nur wir da, aber es kamen immer mehr. Auch noch eine Stunde später. Andere gingen. Man muss aber auch dazu sagen, dass so eine Zeremonie auch für die Gemeinde nicht unanstrengend ist, denn abgesehen von der Weihrauch Luft kommt noch erschwerend hinzu, dass man im Allgemeinen steht. Die komplette Zeit! Nicht alle natürlich. Es gibt seitlich vom Mittelschiff der Kirche eine Reihe an Sitzen, im 90 Grad Winkel zum eigentlichen Geschehen angeordnet. Ich glaube, in den Seitenschiffen sind auch noch welche. Aber die Masse steht. Am Ende gab es noch ein Abendmahl, zu dem wohl der größte Teil der Gemeinde innerhalb der Kirche war, aber da hatte ich mich schon draußen in den Schatten gelegt und war nicht mehr aufnahmefähig.

Danach lief ich mit Katrin und Matthias ins Dorf, also nach Kolymbari. Das sind nur rund 10 Minuten. Der Strand war uns aber zu touristisch langweilig und voll. Es war gar nicht mal so ein feiner Sandstrand, wie ich es erwartet hatte, sondern eher voller Kieselsteine. Wir verweilten nicht lang. Stattdessen statteten wir dem lokalen Supermarkt einen Besuch ab. Ja, liebe Daheimgebliebene, der hat hier auch Sonntag geöffnet. Dann ging es wieder zurück zur Akademie, wo es bald auch schon Mittagessen gab. Zum Nachtisch dieses Mal sogar mit Stracciatella Eis.

Da zwischen Mittag und dem nächsten Programmpunkt zwei Stunden lagen, lief ich wieder ans Meer, wollte wieder schnorcheln gehen. Aber es sollte einfach nicht sein. Erst hatte war das Bandana, das ich wegen Sonnenschutz auf dem Kopf trug, unter die Schwimmbrille gerutscht, so dass Wasser reinkam. So bekam ich das auch Wasser in die Augen, was höllisch brannte. Dann war die Brille so beschlagen, dass ich nichts sehen konnte. Bin also etwas weiter nördlich aus dem Wasser, um die Brille trocknen zu lassen. Dann sah ich Katrin ins Wasser gehen und bahnte meinen Weg zu ihr. Sie entschied dann, doch nicht zu schnorcheln/schwimmen, weil die Strömung so stark war. Während wir sprachen, wurde ich auch immer wieder gegen die Felsen gespült. Es ist hier wirklich sehr felsig und grundsätzlich schwer, ins Meer zu gelangen. Mit den Wellen ist es noch mal gefährlicher. Eine Welle versetzte mir einen so heftigen Stoß, dass ich mir die Schienbeine wund riss und mit der Hand so hart gegen den Stein schlug, dass die Rückseite auf’s Doppelte anschwoll. Als ich dann mühevoll wieder an Land gegangen war, sah ich gerade noch rechtzeitig, wie eine weitere Welle meine Badeschuhe erfasst hatte, die ich im Tausch gegen die Schwimmflossen ausgezogen hatte und in vermeintlich sicherer Entfernung hingelegt hatte. Also musste ich barfuß wieder ins Wasser und die Schuhe retten. Ich hab’s ja verstanden, Meer, nur gucken, nicht anfassen.

Boah, da hatte ich aber echt keine Lust mehr auf irgendwas. Etwas missmutig schloss ich mich aber dann doch der Reisegruppe zum Kloster Chrisopigi an. Vielleicht ganz gut, auf andere Gedanken zu kommen. Und was soll ich sagen? Der Schmerz war schnell vergessen. Im Gegensatz zum Gonia leben hier nur Nonnen, 49 sind es aktuell. Das Kloster liegt oben in den Bergen und bietet daher einen traumhaften Ausblick. Die Kirche sollte innerhalb von zehn Jahren erbaut werden. Aber dann meinte der Patriarch wohl, er wolle im nächsten Jahr im September die Kirche einweihen. Und nun musste sie stattdessen in elf Monaten errichtet werden. So kam es dann auch. Purer Wahnsinn. Die australische Schwester, deren Namen ich leider nicht verstand, hielt uns außerordentlich herzlich willkommen, fragte jede:n nach dem Namen und führte uns dann durch das Kloster. Zur Begrüßung bekamen wir sogar einen Snack. Was genau, kann ich leider nicht sagen. In Honig eingelegte Zitronenschale vielleicht. Süß auf jeden Fall. Wir wurden zum Vesper Gottesdienst eingeladen, der ähnlich skurril auf mich wirkte wie der am Morgen. Wenn auch nicht minder spannend. Nach dem Gottesdienst wurden wir sogar zum Essen eingeladen. Die Schwestern boten nicht nur leckeres Essen, sondern versorgten uns kaum war der Teller leer, mit neuen Speisen und Getränken. Überhaupt ist da hier, diese Gastfreundschaft eine große Sache. Ein leerer Teller steht nicht lang rum. In der Akademie wird er sofort abgeräumt und bei den Nonnen nachgefüllt. Eine Lehre gab uns die australische Schwester mit, was mich noch lange beschäftigen wird. So oft kommen – vor allem junge Menschen – ins Kloster und sind mit sich und dem Leben unzufrieden. Dabei hätten sie doch alles, was sie brauchen. Stattdessen sterben sie nach mehr. Doch wir Menschen haben keine Rechte. Wir haben Verantwortlichkeiten. Und wenn jeder seiner Verantwortung nachkommt, braucht niemand mehr Rechte.

Da mich vor allem die Worte über Rechte und Verantwortung doch sehr beeindruckt hatten, bedankte ich mich beim Gehen noch einmal persönlich von der Schwester. Sie schien sich sehr zu freuen und fragte erneut nach meinem Namen. Ich vermute, ich hatte zuvor zu sehr genuschelt oder zu leise gesprochen. Diesmal verstand sie es offenbar zum ersten Mal richtig und erwiderte „What a beautiful name.“ („Was für ein schöner Name.“) und gab mir zum Abschied noch ein „God bless you.“ („Gott segne dich.“) mit auf den Weg, was ich, glaube ich, noch nie im Leben als so große Worte empfunden haben wie jetzt. Auch wenn sie mich gewiss schon wieder vergessen hat, wird sie mir noch lang im Gedächtnis bleiben. So viel Liebe an einem Ort wie hier im Kloster ist mir selten gegegnet. Die Mönche waren freundlich, aber die Nonnen herzlich.



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