Rückblick

Inzwischen bin ich wieder gut gelandet. Habe gestern erst noch einen Zwischenstopp in Nürnberg gemacht, um Vasco seine dort lebenden Verwandten zu zeigen, und bin dann noch für eine Nacht in der Nähe von Hof bei meiner Tante geblieben. Heute früh ging es dann bis ganz nach Hause, wo ich gegen Mittag ankam.

Diese Reise war für mich etwas ganz Besonderes. Mein erster Urlaub allein, aber nicht nicht deshalb. Es waren wirklich großartige Momente für mich, die mich gewiss bei meinem Wachstum voran gebracht haben. War mein Leben bisher geprägt von Ängsten, Kummer und Zweifel, Jahre und Jahre der Therapie und Coachings und und und… Doch nun war es soweit, endlich einen großen Schritt nach vorn zu machen. Allein reisen heißt ja nicht unbedingt, ohne Gesellschaft zu reisen. Und diese Gesellschaft hier hatte es in sich. So zauberhafte Menschen, so wertvolle Gespräche, so wundervolle Begegnungen. Aber auch mich selbst konnte ich neu kennen lernen. Seit 25 Jahren habe ich immer sehr genau auf dem Schirm, was ich nicht kann, was ich falsch mache, wie ich mich unangemessen benehme, wie scheiße ich aussehe und überhaupt, warum ich so gnadenlos schlecht bin. Wie viele Tränen sind geflossen, weil ich mit mir und meinem Leben so wahnsinnig unzufrieden war. Ich muss mich ändern, um was Gutes zu sein. Aber zu ändern ist mehr, als ich schaffe. Also aufgeben? Peu a peu bin ich aber zu dem Punkt gekommen, dass ich vielleicht doch auch ganz okay bin, die eine oder ganze Sache gut mache und es im Grunde vielleicht sogar gar nicht so wichtig ist, wie ich aussehe, dass ich neue Erfahrungen machen kann und muss, um endlich meine Jugend aus meinem Nervensystem zu verbannen. Es gibt Menschen, die mich genau so mögen, wie ich bin. Warum sollte ich das nicht auch tun? Jetzt war es soweit, einen großen Schritt zu machen und etwas zu wagen, was ich mir vor einem halben Jahr niemals erträumt hatte, weil ich zu große Angst davor hatte. Und wenn man erstmal damit anfängt, dann ergeben sich so viele großartige Dinge. Dann traut man sich auch noch dies und jenes zu. Und dabei zu sehen, dass man es auch schafft, ist eine ganz wertvolle Erfahrung. Ich habe auf dem Heimweg sehr viel über den Begriff des Selbstvertrauens nachgedacht. Ich habe kein Selbstvertrauen, hatte ich nie. Aber was ist das überhaupt? Was für ein seltsames abstraktes Konzept. Und wenn ich ehrlich bin, ist es für mich bisher immer eine Außenwirkung gewesen. Wie man auf andere wirkt. Jemand tritt voller Selbstvertrauen auf, heißt, er hat keine Angst und kann Dinge. So ganz vereinfacht ausgedrückt. Dabei ist es doch so viel mehr. Und auch irgendwie total falsch. Es steckt ja schon das Wort „selbst“ mit drin, daher kann da ja nur ein introspektiver Prozess stattfinden. Ist es nicht das, was ich hier beim Autofahren den Berg hinauf gemacht habe? Es war eine wirklich nicht einfache Strecke, mit der Steigung und dem Schotter und der engen Straße. Aber ich habe gar nicht groß drüber nachgedacht. Ich wusste, ich muss da jetzt irgendwie hoch, aber eigentlich kann ich das ja auch. Bin doch schon häufiger kleine Steigungen gefahren. Warum sollte das jetzt hier nicht funktionieren? Und ich muss ja nicht gleich an die ganze Route denken. Immer nur einen kleinen Abschnitt nach dem anderen. Dafür war das Klettern die beste Übung meines Lebens. Ich bin jemand, der am liebsten alles durchplant, wissen will, was als nächstes passiert, so wenig wie möglich dem Zufall überlassen. Aber veim Klettern in den Bergen geht das einfach nicht. Man kann immer nur eine Bewegung machen. Einen Fuß, dann die Hand, dann der andere Fuß, dann die andere Hand. Und bei jeder Bewegung neu schauen: Wo bin ich gerade und welches ist der nächste Punkt. Mitunter stellt man fest, dass der vorherige Schritt Unsinn war. Dann macht man einen zurück und wählt einen anderen Haltepunkt. Aber man weiß nie die ganze Route. Das soll mir eine Analogie fürs Leben sein. Klar kann und muss man Dinge planen. Aber was für tolle Möglichkeiten ergeben sich, wenn man mal was dem Zufall überlässt? Und ich habe das Zeug dazu. Ich kann Dinge. Ich kann einen Schritt nach dem anderen machen. Ich habe die Kraft dazu. Mein Körper ist stark genug. Ich bin stark genug. Wahnsinn.

Aber sowas lässt sich halt auch viel leichter erkunden, wenn man so ein großartiges Team hinter sich zu stehen hat. So wundervolle Leute, die einem einfach nur Gutes wünschen. So ganz echt und von Herzen. Die dich respektieren und feiern. So wie man eben ist. Und damit meine ich nicht nur die Teilnehmenden des Retreats, auch die Lehrer*innen und Assistentinnen. Alle. Ich habe es selten erlebt, dass sich so viele Menschen auf einer Ebene begegnet sind. Und hier ist es egal, wer welchen „Rang“ hat. Lehrer, Assistent, Schüler oder Tellerwäscher. Alle sind Yogis, alle feiern das Zusammensein, die Erfahrungen und Erlebnisse, niemand ist hier unter- oder überlegen, egal wie viel oder wenig Expertise oder Skill vorhanden ist. Egal ob man lehrt oder lernt. Ich wähle den Begriff nur sehr ungern, weil ich ihn grundsätzlich mit sehr viel bedacht nutze, aber für die paar Tage sind das alle irgendwie Freunde gewesen. So fühlte es sich zumindest für mich an. Nicht die Sorte Freunde, zu denen man immer wieder mal mehr oder weniger Kontakt hat, eher so ein zeitlich begrenztes und irgendwie anderes Konzept. Aber doch vom Gefühl her ähnlich.

Sollte jemand von euch diese Zeilen (noch) lesen, Denise, Chris, Wendy, Laura, Nicole, Barbara, vorallem euer Umgang miteinander und mit uns hat mir sehr imponiert (von euren Yoga Stunden und der ganzen Organisation mal ganz abgesehen, die waren natürlich auch wahnsinnig gut)! Aber auch Beate, Eva, Daniel, Iva, Jamie, Joana, Julia, Liz, Luka, Mia, Melli, Neil, Sarah, Sascha, Sonja, Sophie, Tara und Verena, es war mir ein Fest, eine Ehre, ein Vergnügen, eine Freude und eine große Erleichterung, euch kennen lernen zu dürfen!



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