Acro Tag

Heute Morgen hätten mich keine zehn Pferde aus dem Bett kriegen können. Ich gehe ich hier gar mal spät ins Bett, sogar eher früher als zu Hause. Aber irgendwie brauchte ich mal mehr Pause und Ruhe (auch wenn das Programm hier alles andere als fordernd und anstrengend ist). Daher verpasste ich die Yoga Stunde mit Kerstin und erschien erst zum Frühstück. Den ganzen Vormittag konnte man beobachten, wie es peu a peu immer weißer wurde. Zunächst nur ein paar Wölkchen, dann sich imposant bewegender Nebel und am Ende konnte man kaum 10m weit schauen.

Ich nutzte das trübe Wetter, um mich wieder in meinen Bettchen zu verkriechen. So hatte ich mal Gelegenheit, die vielen Inschriften über mir zu lesen, die vermutlich Generationen an jugendliche Skifahrer*innen hinterlassen haben. Erst als die Acro Yoga Stunde von Denise und Chris fast vorbei war, hatte ich wieder das Bedürfnis nach Gesellschaft. Überhaupt muss ich sagen, dass es in Gegensatz zu den letzten Retreats häufig vorkommt, dass nicht alle an den Veranstaltungen teilnehmen. Hier fehlt fast immer irgendwer, manchmal sogar mehrer Personen. Beim Health Coaching am Nachmittag Warren von den 18 Teilnehmer*innen sogar nur elf dabei. Aber auch so hat es 2,5 Stunden gedauert. Mit noch mehr Leuten hätte Denise es eventuell abbrechen müssen, was schon sehr schade gewesen wäre. Das war heute definitiv das intensivste Health Coaching, dass ich bisher erlebt habe. Die Menge an Tränen, die flossen, war schon nicht gering. Auch Denise hat wieder auch ihre Gefühle geteilt, was ich ja immer sehr schön finde, dass das so ein gemeinsames Geben und Nehmen ist. Ich habe immer den Eindruck, dass diese Gesprächsrunde die Gruppe am meisten verbindet, weil so schon gern die Bühne genutzt wird, über Dinge zu sprechen, in die man nicht mal Familie und engste Angehörige einweiht. Tiefe Gefühle und Gedanken, Sorge, Kummer, aber auch Einsichten, mitunter auch Eigenschaften oder Akzeptanz. In jeder Runde, an der ich teilgenommen habe, hat jemand anerkannt, dass er/sie mit dem Job unzufrieden ist und schon eine Weile über Kündigung nachdenkt. Zumindest von letzten Retreat weiß ich von einer, dass sie das dann, motiviert durch die Gespräche, hinterher auch getan hat. Mir persönlich war heute nicht so sehr danach, zu teilen. Ganz so leicht fällt mir das in so einer Runde dann doch nicht. Insgesamt kommen hier viele meiner alten Muster wieder hoch. Ich mag nicht mit den anderen in die Sauna gehen, ich kann nicht mehr vor einer Menschmenge sprechen, ich ziehe mich häufiger zurück. Aber ich finde das alles nicht so schlimm, weil ich weiß, dass es auch anders sein kann. Überhaupt genieße ich das Alleinsein hier auch.

Auch wenn nach dem Coaching eine Gruppe zu einem Spaziergang aufbrach und auch mich dazu einlud, ich sogar mit losging, hatte ich dann aber doch eher Lust auf ein paar Schritte allein, in meinem Tempo, mit meiner Dauer. So schlenderte ich eher hier vor Ort durch die Gegend, sammelte noch ein paar Kräuter, genoss die klare Luft und den inzwischen zurückgekehrten Ausblick. Zum Glück fiel mir vom letzten Jahr wieder ein Aussichtspunkt in der Nähe ein, von dem man wunderbar ins Zillertal schauen kann. Als ich wieder zurück im Zimmer war und in aller Seelenruhe Musik hörte, klopfte es plötzlich an meiner Tür, dann rief auf jemand meinen Namen. Lisa war extra nach oben gekommen, um nach mir zu schauen. Da ich auch weiterhin mein Handy ausgeschaltet habe, habe ich nicht mitbekommen, dass es schon halb sieben Abendessen gab. Ich war wirklich sehr angetan von der Geste und dass mein Fehlen den anderen offenbar aufgefallen war, auch wenn ich mich so oft zurückziehe. Die Gruppendynamik ist dieses Mal eine ganz andere als sonst. Normalerweise bilden sich so Grüppchen, die sich zwar hier und da mischen oder überschneiden, aber doch eher konstant bleiben. Hier kann ich das gar nicht beobachten. Ich habe zwar nicht das Gefühl, mich so intensiv wie in der Vergangenheit mit ein oder zwei Personen unterhalten zu können, aber dafür sind fast alle angenehme Gesprächspartner*innen. Ich fühle mich nie ausgegrenzt oder habe das Gefühl, was zu verpassen. Auch mal schön.



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