Werte und warten

Da mir mein Körper die lange Autofahrt gestern etwas übel genommen hat und mich seither mit Kopfschmerzen bestraft, ist der heutige Tag bei mir nun etwas ruhiger. Nein, bitte lasst mich das neu formulieren. Da ich gestern meinem Körper ganz schön viel zugemutet habe, war er der Meinung, mir eindeutige Signale zu senden, dass ich es heute bitte ruhiger angehen möge, was ich auch gern tue. Wir sind schließlich ein Team. Die Stunde Yoga, die heute auf dem Programm des Unterrichts stand, kam mir natürlich sehr gelegen. Vorher war ich während der Frühstückspause allerdings noch mit Noemi in einem Café im selben Gebäude wie die Akademie. Es ist schon ganz praktisch, Zeit mit einer Einheimischen zu verbringen und alle möglichen Ausflugstipps zu erhalten. Noch schöner ist es, dass sie Trainerin für interkulturelle Zusammenarbeit ist und ich wahnsinnig viel von ihr lernen kann, was mich für meinen Job eh interessiert. Das Highlight aber, dass sie genau sagen kann, welches Essen/Trinken man bestellen muss, um den Aufenthalt hier mit allen Sinnen genießen zu können.

Zum Yoga führen wir mit dem Taxi, da die Stunde am Playa Jardin stattfand, eben jenem schwarzen Strand, von dem ich euch im Januar schon erzählte und Fotos zeigte. Roberto, unser Yoga Lehrer, machte mit uns sehr Anfänger-freundliche Asanas (Posen), was in Anbetracht der Tatsache, dass wir nun einmal auf Sand standen, auch sehr angemessen war. Die Stunde endete mit ein paar Atemübungen. Und einfach nur auf der Matte liegen und ein paar Achtsamkeitsübungen zu machen, ist eigentlich für einen Tag wie heute genau das Richtige. Auch wenn der Wetterbericht nur von 19°C spricht, in der Sonne ist es schon ganz schön sehr doll warm.

Anschließend saßen wir noch in einem Café in der Nähe (witzigerweise wollten Nadja und ich damals auch schon in dieses Café, aber dann gefiel ihr das Ambiente nicht, und ich holte mir nur einen Cocktail zum Mitnehmen. Gemeinsam sprachen wir über unsere Werte, welche wir so haben und von welchen wir uns eventuell verabschieden wollen und wo sie überhaupt herkommen. Es war für mich jetzt nicht die allergrößte Überraschung festzustellen, dass sich ein Großteil meiner Werte auf den zwischenmenschlichen Bereich beziehen.

Auf dem Weg nach Hause habe ich was gemacht, was ich noch nie gemacht habe und auch nie gedacht hätte, es jemals zu tun. Ich habe einen Anhalter mit dem Auto mitgenommen. Da Stand ein erschöpfter älterer Herr am Straßenrand und wollte offenbar mitgenommen werden. Kurzentschlossen hielt ich an und ließ ihn einsteigen. Es stellte sich raus, dass er Michael heißt, 59 Jahre alt ist und seine Alkoholiker-Frau es nicht geschafft hat, ihn abzuholen. Diese teilweise sehr steilen Straßen hier sind eben eine Herausforderung, das habe ich ja schon am eigenen Leib erfahren. Ich fuhr ihn nur rund einen Kilometer, wir hatten zufällig beide den Lidl als Ziel. Er, weil er da wohnt, und ich, weil ich einkaufen wollte. Ich denke, dass ich damit bestimmt wieder ein paar Karma Punkte sammeln konnte. Schließlich nutze ich hier auch bisher immer die anderen aus meiner Gruppe aus, um mich mit Sonnencreme zu versorgen (inzwischen habe ich mir aber selbst welche gekauft). Ich glaube inzwischen wirklich daran, dass es nicht darum geht, dass man mit einer anderen Person immer ein Gleichgewicht aus Geben und Nehmen haben kann/soll/muss, sondern das es eher um das große Ganze geht. Hier helfe ich einer Person, dort hilft mir eine andere. Heute gebe ich einem Freund ein Getränk aus, morgen lädt mich jemand anderes ein.

Jetzt liege ich auf der Couch und entspanne mich. Morgen und übermorgen habe ich mich für Veranstaltungen in der Akademie angemeldet, daher wird das heute mein letzter freier Nachmittag für eine Weile sein, denn Samstag geht es ja schon weiter nach Gran Canaria.



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