Roma

Auch heute waren wir wieder viel unterwegs. Direkt nach dem Frühstück zogen wir mit dem Bus Richtung Osten (Nord-Osten). Knapp 40km von Sibiu entfernt liegt Alzen/Alțâna, ein wirklich schönes Dörfchen. Dort trafen wir auf einen Guide, der uns auf eine kleine Führung durch das Dorf führte und im Anschluss durch ein Museum, indem Relikte der vergangenen Jahrhunderte zeigte und erklärte. Es handelt sich dabei um ein altes Roma-Haus, das nur aus vier Räumen besteht und pro Raum Relikte einer Ethnie vorstellte: Es gab einen sächsischen Raum, einen rumänischen, einen ungarischen und einen Roma-Raum. Roma, ein Begriff, den ich hier wähle, auch wenn er stattdessen Zigeuner sagte. Ein Wort, das in Deutschland zurecht ausgerottet zu sein scheint, hier in Siebenbürgen aber häufiger zu hören ist. Darauf angesprochen meinte, der deutsche Begriff von Roma und Sinti sei in Rumänien nicht angemessen, da es hier keine Sinti gäbe und Roma zu pauschalisierend sei – es gäbe zu viele verschiedene Gruppen, die eben keine Roma seien, aber mit „Zigeuner“ passend beschrieben seien. Zumal das für viele ja auch die Selbstbezeichnung sei. Meine Position ist da eine andere und eine Selbstbezeichnung gibt uns nicht automatisch das Recht, das Wort zu nutzen. Auch das N-Wort wird von PoC genutzt und trotzdem würde es mir im Traum nicht einfallen, es auch nur auszuschreiben. Ob es nun eine „richtige“ Bezeichnung gibt, habe ich bisher noch nicht ermitteln können. Aber bleiben wir vorerst bei Roma. Auch wenn das sehr vereinfacht ist und das bitte ich, im Hinterkopf zu behalten. Es gibt diversen verschiedene Gruppen, wie die Kalderaš, Lovara, Ursari, Boyash/Rudari… Obwohl es eine staatliche Förderung von Roma gibt, nehmen sie sehr viele nicht wahr, da sie überhaupt ablehnen, sich selbst der Gruppe zuzuordnen. Sie seien doch Rumänen, warum der Quatsch? Und das stimmt auch, sie sind Rumän:innen. Warum also überhaupt drüber reden? Weil es mich genügend Beispiele dafür gibt, wo es an Mitteln und Möglichkeiten mangelt. Ich kann euch nicht sagen, ob ich hier welche gesehen habe. Was ich aber zu Gesicht bekommen habe, sind einige ihrer Unterkünfte, die in etlichen Fällen in einem desolaten Zustand sind. Der orthodoxe Priester, mit dem wir gestern im Austausch waren, erzählte davon, dass er seit Anfang an im Austausch mit den Roma war und sie unterstützte, wo er nur konnte, und ein Projekt initiierte, dass die Roma finanziell und praktisch fördern sollte. Letztendlich wurde ihm von seinen Vorgesetzten der Einsatz aber untersagt, weil die orthodoxe Kirche damals Roma als Sklaven gehalten hat und darüber heute nicht mehr gesprochen werden dürfe. Naja eher vereinfacht dargestellt. Aber trotzdem unfassbar. Dass die Roma vor allem als Nomadenvolk bekannt sind, liegt daran, dass viele von ihnen Handwerker waren und durch die Lande ziehen mussten, um neue Aufträge zu generieren. Denn bleibt ein Messerschärfer immer an einem Ort, sind irgendwann alle Messer geschliffen und die Aufträge gehen aus. Das gilt auch für die Kesselflicker, Zirkusleute etc. Im 20. Jahrhundert wurde hier in Rumänien die Sesshaftigkeit zur Pflicht. Aber da Aufträge und auch damit einhergehend das Geld fehlte, kam es zu Überfällen und Diebstählen. So entstand auch das Bild, das immer noch viele im Kopf haben. Es gibt auch genügend Berichte dazu, dass sie sich irgendwo niederlassen wollten, aber verstoßen wurden, da sie „einfach nicht dazu gehörten“. Es ist eine bittere Geschichte.

Zum Mittagessen kehrten wir in ein Gasthausrestaurant ein. Auch da wieder wundervolles vegetarisches Essen! Das mit dem Essen, das können sie hier wirklich gut.

Von dort aus fuhren wir Richtung Nordwesten nach Mediaș, der zweitgrößten Stadt der Region. Auch wieder eine wunderschöne bunte Stadt. Auch wieder eine Stadt mit einer Wehrkirchenburg.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert