Siebenbürgener Sachsen

Dem Sonntag angemessen war der erste Tagesordnungspunkt heute natürlich der Gottesdienst in der evangelischen Pfarrkirche. Ich bin selbst ja nicht so die regelmäßige Kirchgängerin (#weihnachtschristen), aber das heute hat mich doch sehr fasziniert. Meine Schwester durfte die Veranstaltung mit einer Predigt begleiten. Und dann sitzt man da, in einem fremden Land und erlebt einen Gottesdienst wie zuhause. Dieselbe Sprache, dieselbe Liturgie. Mir sind wahrlich die Augen feucht geworden. Beim anschließenden Kaffeekränzchen gab es die Möglichkeit, sich noch mit der lokalen Gemeinde auszutauschen. Was die anderen auch taten – ich ziehe mich ja in solchen Konstellationen eh lieber zurück. Nicht wegen Sprache, Kirche oder sonstigen Glaubenssätzen, nur liegt mir die Konversation mit mir unbekannten Menschen eben nicht. Aber ich nutzte die Gelegenheit, Gespräche zu belauschen. Nicht inhaltlicher Natur. Nur kriegt mich das mit der Sprache einfach total. Warum auch immer ich glaubte, die Siebenbürgener Sachsen sprächen eine völlig andere Version unserer Sprache, sind sie doch schon so lange „getrennt“ von uns. Isoliert, so hatte ich mir das vorgestellt. Aber das ist es gar nicht. Also einige Sprechen dasselbe Hochdeutsch wie wir, andere haben Dialekte, die mich an einen slawischen Akzent erinnern, manchmal meine ich, auch sowas Ostpreußisches rauszuhören (was sprachwissenschaftlicher Unfug ist, aber meinem Eindruck entspricht). Verrückt. Und gleichzeitig sind sie hier eine Minderheit, sind doch viele nach dem Zweiten Weltkrieg deportiert worden und haben viele nach der Wende die Ausreise gewählt. Ich möchte mir überhaupt nicht anmaßen, jetzt zu wissen, wie es sich anfühlt, eine Minderheit eines Landes zu sein. Doch es lädt zu einem wertvollen Perspektivwechsel ein.

Wer sind überhaupt diese Siebenbürgener Sachsen und warum sind sie hier? Im Mittelalter gehörte Siebenbürgen (oder ihr kennt es vielleicht eher als Transilvanien, das Gebiet um und zwischen den Karpaten) zum Königreich Ungarn. Ab dem 12. Jahrhundert holten die ungarischen Könige deshalb gezielt Siedler aus dem Westen ins Land. Sie sollten Dörfer und Städte gründen, Handel und Handwerk fördern – und gleichzeitig die südöstliche Grenze des Königreichs sichern. Diese Menschen kennen wir heute als Siebenbürger Sachsen, was allerdings ziemlich irreführend ist: Die meisten kamen überhaupt nicht aus Sachsen, sondern unter anderem aus dem Rhein-Mosel-Gebiet und aus Regionen, die heute zu Luxemburg, Belgien und den Niederlanden gehören. „Sachsen“ wurde damals eher zu einer Sammelbezeichnung für diese deutschsprachigen Siedler. Diese Sachsen gründeten Städte und bekamen jede Menge Rechte und Privilegien, die sonst nur dem Adel zustanden. Und sie gründeten Städte. Wie Hermannstadt (Sibiu) oder Kronstadt (Brașov), weshalb es auch völlig in Ordnung ist, die deutschen Städtenamen zu verwenden. Nur wie gesagt, ich bevorzuge den rumänischen Namen.

Nach Gottesdienst, Kaffee und einem spannenden Rundgang um die Kirche, bei dem wir auch Schnitzel kennen lernen durften, die Kirchenkatze, spazierten wir zur Redaktion der Hermannstädter Zeitung, bei der wir zum einen einen interessanten Einblick in die Geschichte Rumäniens im 20. Jahrhundert erhielten, aber auch die der Zeitung selbst. Natürlich spielte auch Ceauseacu dabei eine nicht unentscheidende Rolle. Was mich ebenfalls fasziniert und ich habe es weiter oben im Text schon mal angedeutet: Auch hier spricht man von „der Wende“ 1989, wie auch bei uns. Also na klar, warum auch nicht? Aber das ist eines der Dinge, über die ich einfach nie nachgedacht habe. Danach hatten wir Freizeit, die wir zunächst zu dritt in einem Sandwich Restaurant und danach ich allein im Hotel verbrachte. War auch mal wieder nötig.

Abends trafen wir uns wieder alle zusammen in der Altstadt zu einer Wein Verkostung samt köstlichem Abendessen. Vier Weine – ein Schaumwein, ein trockener Weißwein, ein lieblicher und ein sehr schwerer roter Wein, allesamt aus Rumänien – durften wir kennen lernen. Aber auch die Sprache, da die Präsentation selbst auf Rumänisch stattfand und Reiseleiterin Anna für uns übersetzte. Rumänisch ist eine lustige Sprache. Wie der Name schon verrät, ist es romantische Sprache, mitgebracht von den Römern vor knapp 2000 Jahren. Es klingt heute aber wie eine bunte Mischung aus Spanisch, Italienisch und Französisch, aber mit slawischem Einschlag. Beim Lesen verstehe ich hier und da das eine oder andere Wort. Verstehen tu ich aber fast nichts. „Mersi“ geht ganz gut (wie das französische „Merci“), zum Abschied heißt es „la revedere“ (wie im Italienischen das „arrivederci“ – bis wir uns wiedersehen).

Zum Anschluss bekamen wir noch Besuch von einer rumänischen Pfarrerin, die zwar auch hier lebt, hier geboren ist, deutsch spricht, aber keine Siebenbürgener Sächsin sondern Landlerin. Die Siebenbürger Landler sind eine eigene deutschsprachige Bevölkerungsgruppe in Siebenbürgen und eben nicht ursprünglich Siebenbürger Sachsen. Sie kamen auch viel später: Die Sachsen wurden ab dem 12. Jahrhundert von den ungarischen Königen angesiedelt; die Landler dagegen erst im 18. Jahrhundert. Und ihre Geschichte ist ziemlich heftig: Sie waren überwiegend Protestanten aus den habsburgischen Erblanden, besonders aus dem heutigen Oberösterreich. Unter den Habsburgern wurde im Zuge der Gegenreformation versucht, diese protestantischen Gemeinschaften wieder katholisch zu machen. Wer sich weigerte, wurde teilweise zwangsweise nach Siebenbürgen umgesiedelt. Dort landeten viele von ihnen ausgerechnet in bereits deutschsprachigen evangelischen Orten, vor allem Neppendorf bei Hermannstadt, Großau und Großpold. Dadurch lebten Landler und Siebenbürger Sachsen schließlich nebeneinander und teilten die evangelische Konfession – blieben kulturell aber lange unterscheidbar. Es gab eigene Dialekte, Trachten, Bräuche und ein ziemlich ausgeprägtes Bewusstsein: Wir sind Landler.



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