Kirchenburgen

Tag 2 der Studienreise begann wieder mit einem entspannten Frühstück hier im Hotel, das im Übrigen wirklich gut ist. Frisches Obst, vielfältiges Angebot, sehr leckerer Saft. Nur das Rührei könnte fester sein, aber das ist nun echt jammern auf extrem hohem Niveau. Und manch eine:r mag es ja vielleicht auch lieber glibberig. Ich esse es trotzdem und alles ist gut. Anschließend fuhren wir mit dem privaten Bus nach Holzmengen/Hosman, etwa eine halbe Stunde von Sibiu entfernt. Dort bekamen wir die erste Wehrkirche zu sehen. In Siebenbürgen sind heute noch rund 150 Kirchenburgen und Wehrkirchen erhalten – eine weltweit außergewöhnliche Dichte. Bis zu dieser Reise – bzw. bis zur Vorbereitung – hatte ich tatsächlich noch nie was davon gehört, obwohl wir ja auch in Deutschland welche haben. Daher will ich mein neu erworbenes Wissen ein Stückchen mit euch teilen: Wir kennen Burgen. Wenn es Überfälle gab, ließ sich so eine Burg natürlich besser verteidigen als ein Dorf oder eine Stadt, hohe Mauern etc. Aber – und das hatte ich nie so richtig auf dem Schirm – eine herrschaftliche Burg war eben in erster Linie Sitz und Verteidigungsanlage des Adels. Was aber machte die Dorfbevölkerung, die nicht einfach eine eigene Burg vor der Haustür hatte? In Siebenbürgen wurde dafür vielerorts das Zentrum des Dorfes befestigt: die Kirche.

Die Kirchenburgen waren genau wie die Burgen mit Vorräten ausgestattet, vor allem die Türme dienten hier als Lager. Heute sind wir in Holzmengen beispielsweise durch das Tor eines Speckturms gelaufen, in dem – wie der Name verrät – Speck gelagert wurde. Auch zu Friedenszeiten. Die Ausgabe der Vorräte fand sonntags statt, um auch einen Besuch des Gottesdienstes mit anzuregen. Jede Familie hatte ihren eigenen Speck und besaß ein Siegel, das in die abgeschnittene Stelle des Specks gebrannt wurde, um sicherzustellen, dass der Pfarrer sich nicht heimlich eine Scheibe davon abgeschnitten hatte. Zumindest hier in Holzmengen. Ob das in allen Kirchenburgen der Fall war, kann ich nicht sagen. Durch die Vorratslager konnten die Bewohner eines Dorfes oder einer Stadt wochenlang ausharren. Mitunter länger als die Angreifenden, deren Vorräte eher ein Ende fanden. Und wenn nach Wochen die Moral der Angreifer nachließ, stellten die Dorfbewohner – in erster Linie Frauen, Kinder, Senioren und Kranke – die dickste Frau unter ihnen auf die Wehrmauern, bewaffnet mit einem Weißbrot und ließen sie genüsslich in dieses hineinbeißen, um zu signalisieren, wir haben noch, uns geht’s prima. Was die Moral der Angreifer endgültig brach, eine längere Belagerung schien aussichtslos und wurde abgebrochen. So die Legenden. Aber auch ganz unabhängig von der Geschichte ist diese Stück Land einfach schön und man hat sogar bei gutem Wetter Glück Blick auf die Karpaten.

Wir bekamen dort auch wundervolles Mittagessen, wenn auch eher unrumänisch: Lasagne. Und was für eine. So eine gute vegetarische habe ich noch nicht gegessen. Und dabei ist das dort kein Restaurant, sondern ein Förderverein, der das alte Pfarrhaus zu einer Unterkunft mit Jugendherbergscharakter wieder mit neuem Leben gefüllt hat.

Nach dem Essen fuhren wir zurück zum Hotel und hatten etwas Zeit für uns. Zum späten Nachmittag holte uns der Bus wieder ab und brachte uns nach Hammersdorf, einer Gemeinde, die seit einigen Jahren zu Sibiu gehört. Dort finden wir ebenfalls eine Wehrkirche, nur dass von den Mauern nicht mehr ganz so viel zu sehen ist, weil sie teilweise abgerissen wurden, um das Material für den Bau einer Schule zu nutzen. In der Kirche sieht man wieder genau die historische Mischung. Die gotische Architektur ist noch völlig präsent – vor allem das Rippengewölbe im Chor -, während die Ausstattung eindeutig von der späteren evangelisch-sächsischen Nutzung erzählt. Und dann draußen Obstbäume, die alte Wehrmauer, halb überwucherte Anlage und eine orange farbene Katze. Das hat schon etwas herrlich Unmuseales. Nicht „historisches Monument sauber freigestellt“, sondern eher: Hier liegen 800 Jahre Geschichte herum und dazwischen wachsen Äpfel. Und Birnen. Und sonstiges Obst und Gemüse. Es gibt auch ein Gewächshaus. Die Gemeinde hat vor einiger Zeit sogar einen ganzen Wald gepflanzt, unweit der Autobahn etwa drei Hektar Mischwald. Einen halben Meter sind die Bäumchen schon groß. Was mich aber besonders bewegt hat: Die Gemeinde hat auch einige ukrainische Flüchtlinge aufgenommen. Eine Familie darf sogar einen Teil des Garten bewirtschaften. Gerade an so einem Ort bekommt das noch mal eine zusätzliche Ebene. Diese Kirchenburgen existieren ja überhaupt, weil Menschen über Jahrhunderte mit der Frage leben mussten: Was machen wir, wenn Krieg zu uns kommt? Wo können wir hin? Wie schützen wir unsere Familien? Heute braucht Hammersdorf seine zweite Wehrmauer nicht mehr. Stattdessen kann dort eine Familie, die vor einem heutigen Krieg geflohen ist, ein Stück Garten bewirtschaften. Das ist keine große heroische Geste. Einfach: Hier ist Erde.

Die Spinne auf dem Bild ist übrigens eine Wespenspinne. Der Körper allein kann ungefähr 2–2,5 cm erreichen, mit Beinen wirkt sie natürlich noch erheblich größer. Dieses weiße Zickzack-Gespinst ober- und unterhalb der Spinne heißt Stabiliment. Wozu es genau dient, ist nicht abschließend geklärt – diskutiert werden unter anderem Stabilisierung/Tarnung, Beuteanlockung durch reflektiertes UV-Licht und eine Warnwirkung für größere Tiere, damit die nicht durchs Netz laufen. Das Wespenmuster selbst ist vermutlich ebenfalls Schutz: Gelb-schwarz ist in der Tierwelt schließlich ein ziemlich etabliertes „Lass mich besser in Ruhe“-Signal. Heja BVB!



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