In aller Ruhe packte ich heute Morgen meine Sache, lud alles, was ich am Vormittag nicht brauchen würde, und Auto und fuhr mit dem Bus in die Nähe der Akropolis, denn von dort startete eine Stadtrundfahrt per Fahrrad. In Athen schon ein abenteuerliches Unterfangen, denn die einzigen Menschen, die hier Rad fahren, sind Touristen, und davon auch nicht viele. Die Stadt ist also so überhaupt nicht fürs Radeln ausgelegt, weshalb ich da glatt mein liebes Berlin zu schätzen gelernt so – so schlimm es da an vielen Stellen auch ist, man kann schon recht weite Strecken auf Radwegen zurücklegen. Hier hingegen gibt es laut Guide genau einen Radweg. Und das sei noch nicht mal ein richtiger, was auch immer sie damit meinte. Dazu kommt, dass es hier doch schon recht hügelig ist, weshalb etwas anderes als ein Pedelec (eBike) gar nicht in Frage kommt. Ist für die Athener auch kein Problem, denn sie sind exzellente Autofahrer und kommen daher auch mit dem chaotischen Verkehr sehr gut klar, so zumindest Elisabeth, 22, ehemalige Pfadfinderin. Sie führte uns – das heißt mich und etwa 10 US-Amerikaner:innen – durch die teilweise sehr gefüllten Gassen von Plaka und klingelte dabei jede:n aus den Weg, der:die nicht schnell genug Platz machte. Dabei erklärte sie teilweise auf der subjektive Weise das Viertel, die Stadt, die Geschichte, die Etymologie. Was zu Beginn noch sehr amüsant war, ging mir zum Ende hin doch ganz schön auf den Geist, weil die Rebellin in ihr zeitweise – zumindest in meinen Augen – recht respektlos erschien. Nicht der Reisegruppe gegenüber, aber in Bezug auf unsere Mitmenschen. Ganz nach dem Sinne, nur weil es Regeln gibt, heißt das nicht, dass man sie auch ein halten sollte, jagten wir durch die Straßen und verloren sogar einmal die Hälfte unserer Gruppe, die offenbar mit dem (seeeehr langsamen) Tempo nicht mithalten konnte. Na gut, selbst Schuld, wer meldet sich auch für eine Radtour an, ohne je geradelt zu sein? Beim zweiten Stopp direkt an der griechisch-orthodoxen Mitropoleos (Metropolis) Kirche schickte sie die Gruppe kommentarlos hinein, wo gerade ein Gottesdienst stattfand, ohne die ahnungslosen Mädels drauf hinzuweisen, dass an solchen heiligen Orten das Bedecken von Schultern und Knien vorgeschrieben sind. Selbst als ich sie drauf ansprach, lehnte sie nur ab und meinte, das sei doch egal, das würde niemanden stören, obwohl am Eingang extra ein Schild auf den Dresscode hinwies. Nun gut, ich will mich gar nicht weiter darüber aufregen, ich war nur selbst irritiert darüber, wie ignorant sie war. Ansonsten hat sie das ganz gut gemacht, hatte Ahnung, war super freundlich, hatte einen guten Humor und alles. Ich bereue diese Tour auch nicht, selbst wenn ich gar nicht so unfassbar viel Neues gelernt oder gesehen habe. Was aber tatsächlich ein Highlight war, war der Halt am Observatorium, von dem aus man wunderbar auf Akropolis und Parthenon schauen kann. Diesen Anblick hatte ich Freitag bereits gesucht, konnte mich aber nicht mehr genau erinnern, wo das war. Was ich vorher auch nicht gesehen hatte, dabei war ich schon ganz in der Nähe, was das Stadion, in dem die Marathon Läufer einlaufen, wenn sie buchstäblich aus Marathon nach Athen laufen. Auch stellte sich heraus, dass ich mich vorgestern geirrt hatte und nicht den Kronos Tempel sah, sondern den Zeus Tempel, denn Kronos wurde als Titan gar keiner gewidmet. Zu meiner Verteidigung: So steht’s in Google Maps: Rhea und Kronos Tempel direkt neben dem Zeus Tempel. Nun gut. Was soll’s. Auch hatte ich Freitag bereits das Zappeion Haus gesehen, wusste allerdings nicht, dass es früher das olympische Dorf beinhaltet hatte.











Was mich dieser Ausflug auf jeden Fall gelehrt und mich auch den ganzen Tag begleitet hat: Fehlender Respekt ist etwas, was mich aus meiner Komfortzone holt und dazu bringt, mal den Mund aufzumachen in Situationen, wo ich früher geschwiegen hätte. Und dieser Respekt bezieht sich auf so viele Ebenen. Das Einhalten von Regeln beispielsweise ist etwas, was ich zunehmend wertzuschätzen weiß, wenn diese Regeln das zwischenmenschliche Miteinander regeln. Wenn es darum geht, auf einander Acht zu geben, Rücksicht zu nehmen, kein:e verdammte:r Egoist:in zu sein. Nicht direkt am Ende der Rolltreppe stehen zu bleiben und somit die Menschen hinter einem nicht zu blockieren. Sich nicht an der Schlange vorbeizudrängeln, um früher an der Kasse zu stehen. Nicht einfach seinen Müll in die Gegend zu schmeißen. Nicht unnötigen Krach zu machen und damit andere zu stören. Nicht das Service Personal anmotzen, wenn mal was nicht so klappt wie vorgestellt. Nicht nur immer die eigenen Bedürfnisse an erste Stelle zu stellen. Einfach aus Respekt. Das die Interpretation des Begriffs oft an kulturelle Hintergründe geknüpft ist, zeigen Reisen wie diese sehr gut. Denn ich will den Leuten nicht unterstellen, respektlos zu sein. Für bestimmte Dinge fehlt dann eben das Bewusstsein, die Aufmerksamkeit. Der Tierschutz ist dafür ein schönes Beispiel: In Deutschland hat sich da sehr sehr viel getan in den letzten Jahrzehnten, in anderen Ländern spielt das noch gar keine Rolle. Weil eben das Bewusstsein fehlt. So wie das bei uns eben auch viel zu lange Zeit der Fall war. Ich muss ehrlich sagen, dass ich aktuell sehr dankbar dafür bin, in Deutschland zu leben. Vermutlich natürlich auch, weil ich klar deutsch geprägt bin. Natürlich wussten es die Mädels heute nicht besser, als sie halbbekleidet in die Kirche gingen! Denen würde ich auch keinen Vorwurf machen. Daher ist der Dialog so wichtig. Wisst ihr, wie oft ich heute Leuten einen schönen Tag oder guten Abend gewünscht habe, nur weil sie mir Cannelloni verkauft oder die Schranke an der Mautstelle geöffnet haben? Für mich ist das eine Kleinigkeit, aber indem ich ihnen den angemessenen Respekt zolle, haben beide was davon. Vielleicht ist es ihnen auch egal. Aber ich bin mir sicher, ein freundliches „Danke für die Führung, komm noch gut nach Hause“ ist tausend Mal besser als ein kritisierendes „Na da hast du aber Unsinn erzählt“. Das hilft keinem was und verbreitet nur schlechte Laune. Sorry, das musste ich einfach mal loswerden.
Zeit zum Nachdenken hatte ich heute viel, denn zwischen Radtour und meiner Abendveranstaltung wollten fünf Stunden totgeschlagen werden. Ich nutzte die Zeit, um das Auto nach Chalandri zu fahren, wo 17 Uhr mein letzter Ausflug dieser Reise starten sollte. Da es bis 22:30 Uhr ging und ich danach noch zu meiner Unterkunft in der Nähe des Flughafens fahren wollte, hielt ich das für eine smarte Idee. Ärgerlich nur, dass der Veranstalter beschossen hatte, nicht zum Start zurückzufahren sondern ins Zentrum – unweit der Stelle, wo ich das Auto zuvor geparkt hatte. Da das nirgends im Vorfeld mitgeteilt wurde, fand ich das schon sehr ärgerlich, denn so musste ich mir der Metro wieder raus nach Chalandri fahren, und das dauert immerhin eine halbe Stunde, was in Anbetracht der Uhrzeit und des Fakts, dass ich morgen seeeehr früh aufstehen muss, echt uncool war. Der Ausflug selbst war… okay. Es ging zum Kap Sounion oder um genauer zu sein, zum Tempel des Poseidon. Die Reiseleiter war ebenfalls wie gestern Archäologin und hatte sehr viel drauf. Sie begann tatsächlich mit der Vorstellung der Epochen der griechischen Geschichte, von der Bronzezeit bis etwa Mittelalter. Viel zu viele Informationen, als dass ich es mir hätte merken können, aber auch spannend und gut für die Einordnung. Damit werde ich euch jetzt aber nicht nerven, sondern nur kurz die Geschichte zum Tempel erzählen. Bevor Athen zu Athen wurde, gab es da diesen König. Namen sind Schall und Rauch… Jedenfalls hatte Poseidon ein Auge auf diese schöne Stadt mit der Akropolis geworfen und fragte den König, ob er sie „haben“ dürfe, so als Patron quasi und besonderer Verehrung und der Umbenennung in Poseidon, Sohn von Kronos und Rhea und somit Bruder des Zeus. Da mischte sich aber Athene mit ein, Bastard-Tochter des Zeus, und erhob ebenfalls Anspruch auf die Stadt. Da mischte sich Zeus ein und meinte, es solle ein fairer Wettkampf sein: Beide sollen der Stadt eine Gabe überreichen und die bessere Gabe gewinne die Stadt. Poseidon bot Salzwasser an, letztendlich als Mittel für Handel per Schifffahrt für Wohlstand und Fortschritt. Athene hingegen bot einen Baum, den ersten Olivenbaum, damit er Holz spende für den Bau von Häusern und Schiffen, Oliven zum Essen und Olivenöl für Nahrung, Licht (als Brennmittel) und was man sonst eben noch so damit machen kann. Die Wahl fiel auf den Baum und somit gehörte nun Athene die Stadt und ihr zu Ehren wurde das Parthenon errichtet. Damit Poseidon aber nicht ganz leer ausgeht, wurde ihm das Kap Sounion zugesprochen, dass ja auch sehr schön ist, wie ihr hier auf den Bildern sehen könnt. Auf dem Weg zum Kap hielten wir noch am alten Theater of Thorikos, dem ältesten weltweit, sogar älter als die in Athen, wo das Theater erfunden wurde. Es ist vor stolzen 2.500 Jahren errichtet worden. Dazu noch ein fun fact: Ich hatte ja gestern schon berichtet, dass zu Ehren Apollons die pythischen Spiele ins Leben gerufen worden, und zunächst Musik und Theater im Vordergrund standen. Das wurde auch heute wieder betont, denn es geht in der griechischen Mythologie oft um Gleichgewicht. Bei den olympischen Spielen steht die physischen Wettkämpfe im Vordergrund, bei den Pythischen (zunächst) die geistigen. Leider waren am Kap Sounion ganze Heerscharen an Menschen, was die Idylle etwas gestört hat. Auch wenn es den Eintritt von 20 Euro vielleicht nur so semi wert ist, schon gut, dass ich da war.











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